Olivier Messiaen - Leben


Olivier Messiaen
wurde als Sohn des Englischlehrers und Shakespeare-Übersetzers Pierre Messiaen und der angesehenen Dichterin Cécile Sauvage am 10.12.1908 in Avignon geboren.

Entscheidend geprägt von seiner Mutter war Olivier Messiaen von früher Kindheit an dem Wunderbaren, Märchenhaften zugetan. Auch die Landschaft der französischen Alpen um Grenoble, die er als seine eigentliche Heimat ansah, sollte für sein Schaffen von entscheidendem Einfluss sein. Debussys Pelléas et Mélisande wurde für Messiaen zum Schlüsselerlebnis.

1919 ließ sich die Familie in Paris nieder. Am Conservatoire studierte Messiaen von 1919 bis 1930 Klavier und Schlagzeug, griechische Metrik bei Maurice Emmanuel, Orgel und Improvisation bei Marcel Dupré sowie Komposition und Instrumentation bei Paul Dukas.

1931 übernahm er die Organistenstelle an der Pariser Kirche Sainte-Trinité, die er 55 Jahre lang innehatte. 1932 heiratete er die Geigerin und Komponistin Claire Delbos, die nur wenige Jahre nach der Geburt des Sohnes Pascal (geb. 1937) von einem Nervenleiden befallen wurde und 1959 starb.

Zusammen mit André Jolivet, Yves Baudrier und Jean-Yves Daniel-Lesur gilt Messiaen als Gründer der 'Jeune France', eine Gruppe von Komponisten, die sich 1936 formierte.

Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs wurde Messiaen eingezogen und wurde ein Jahr später deutscher Kriegsgefangener. Knapp neun Monate verbrachte Messiaen als Kriegsgefangener im Stammlager VIII A der Deutschen Wehrmacht im Ostteil von Görlitz, dem heutigen Zgorzelec, wo er das "Quatuor pour la fin du temps" komponierte und zusammen mit anderen Lagerinsassen auch zur Uraufführung brachte.

1942 wurde er Professor am Conservatoire de Paris und lehrte dort bis 1978, Messiaen bildete in dieser Zeit ganze Generationen von wichtigen Komponisten des 20. Jahrhunderts aus.

Sein Unterricht am Pariser Konservatorium (zunächst als Professor für Harmonielehre, dann für Analyse, zuletzt für Komposition) war durch seine unkonventionelle Offenheit und seine nie versiegende Neugierde exemplarisch. Meisterwerke jeder Epoche und aus allen Erdteilen wurden miteinander in Beziehung gesetzt. Den unermesslichen Reichtum des bereits Existierenden bot Messiaen seinen Schülern als Katalysator für das Finden des eigenen Weges an. Das Spektrum reichte von der Gregorianik bis zur zweiten Klaviersonate von Pierre Boulez, von Mozarts Klavierkonzerten bis zum Gamelan, von griechischer Metrik und Hindurhythmen bis zu Alban Bergs Wozzeck. Messiaens 1949 komponiertes Klavierstück Mode de valeurs el d´intensités, das der seriellen Musik den entscheidenden Impuls gab, ist in letzter Konsequenz aus dem fruchtbaren ästhetischen Dialog des Lehrers mit seinen Schülern entstanden. Der legendären »classe Messiaen« gehörte unter anderem Persönlichkeiten an wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis, Pierre Henry, Jean Barraqué, Nguyen Thien Dao, Tristan Mursil, Gérard Grìsey und George Benjamin. Thomas Daniel Schlee, Dietrich Kemper (Hg.) Olivier Messiaen. La Cité Céleste − Das himmlische Jerusalem. Über Leben und Werk des französischen Komponisten. Wienand, Köln 1998, 250 S.

Speziell eine Studentin sollte eine herausragende Rolle in Messiaens Werken spielen: Die Pianistin Yvonne Loriod. Sie wurde zur Hauptinterpretin seiner Klaviermusik, und es überrascht nicht, daß das Klavier von dieser Bekanntschaft an einen größeren Raum in seinen Kompositionen einnahm.
1944 legte er in dem Lehrbuch "Technique de mon langage musical" seine wichtigsten harmonischen und rhythmischen Neuerungen dar.
1961 heirateten Messiaen und Yvonne Loriod.
Nach einem Kompositionsauftrag des Intendanten der Pariser Oper, Rolf Liebermann, schrieb Messiaen 1975-1983 nach eigenem Libretto seine einzige Oper „Saint François d'Assise””, deren 8 Bilder das Eingehen der göttlichen Gnade in die Seele des hl. Franziskus darstellen.
1992 starb Messiaen am 27.04.1992 in Paris, kurz vor der Premiere der zweiten Produktion von "Saint François d'Assise" bei den Salzburger Festspielen (Regie: Peter Sellars, Musikalische Leitung: Esa-Pekka Salonen).

Der französische Komponist schöpfte für seine Musik Anregungen aus dem Studium der Zahlenmystik, indischer Rhythmen, der Gregorianik, des Vogelgesangs, der Klangwelt javanischer Gamelan−Orchester oder der Musik Claude Debussys und Igor Strawinskys. Über all diesen verschiedenartigen Inspirationen hinaus ist seine Musik geprägt von spiritueller Energie und einem tiefen, katholischen Glauben. Er war außerdem Synästhetiker, der Klänge mit Farben assoziierte. Messiaen zeichnete auf Weltreisen Vogelstimmen auf und verwendete diese u.a. in „Catalogue d´Oiseaux” 1956 − 1985, „Jardin du sommeil d´amour” aus der Turangalîla-Symphonie und „Dämmerungschor” für 18 Streicher. „Modi mit begrenzten Transpositionsmöglichkeiten” regeln den harmonischen und melodischen Ablauf vieler Kompositionen.
In „Technique de mon langage musical” (1944: 59-62), listet Messiaen 7 Modi auf:
Er entwickelte Multiplikations− und Divisionsreihen bzw. „nicht umkehrbare Rhythmen”. Mit seinem Klavierstück „Mode de valeurs et d'intensités” initiierte er 1950 die serielle Musik. Vor allem in seinem Spätwerk (Orgelzyklus Livre du Saint-Sacrement, 1984/85) werden die entwickelten Techniken kombiniert und ordnen sich einem zumeist geistlichen Thema unter. In seinen Kompositionen verwendet er oft ungewöhnliche Instrumente wie die Ondes Martenot.

Introduction to the Ondes Martenot
Der sehr früh entwickelte Personalstil des Komponisten führte − nicht zuletzt auch wegen der nachdrücklich deklarierten religiösen Dimension seiner Werke − zu heftigen Kontroversen. Erst in den 60er Jahren wandelte sich das Bild: Messiaen wurde nun international als eine zentrale Figur der Musik des 20. Jahrhunderts erkannt und geehrt.

Ein wenig resigniert, jedoch voller Weisheit und Güte, hat sich Olivier Messiaen, statt zu revoltieren, damit begnügt, die vier Tragödien seines Lebens aufzuzählen: »Die erste besteht darin, dass ich als gläubiger Musiker über den Glauben zu Atheisten spreche. Wie sollen sie mich verstehen? Meine zweite Tragödie ist, dass ich Ornithologe bin und über die Vögel zu Menschen spreche, die in Städten leben, die niemals um vier Uhr morgens aufgestanden sind, um dem Erwachen der Vögel auf dem Lande zu lauschen. Sie sehen hässliche Tauben auf den Straßen und Spatzen in den Grünanlagen, aber sie wissen nicht, was ein Vogelgesang ist. Und hier nun meine dritte Tragödie: Wenn ich Klänge höre, sehe ich geistig Farben. Ich habe das öffentlich gesagt, ich habe es vor den Kritikern wiederholt, ich habe es meinen Schülern erklärt, aber niemand schenkt mir Glauben. Ich kann noch so reichlich Farben in meiner Musik verwenden, die Zuhörer hören, aber sie sehen nichts. Was meine vierte Tragödie anbetrifft, so ist sie weniger schlimm, sie beruht auf einem bedauerlichen Missverständnis: Ich bin Rhythmiker, und ich lege Wert auf diese Bezeichnung. Die meisten Menschen glauben jedoch, unter Rhythmus seien die gleichmäßigen Zeitwerte eines Militärmarsches zu verstehen...« Claude Samuel

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