Arno Schmidt


Arno Schmidt
(18. Januar 1914 - 3. Juni 1979) war nach 1945 einer der bedeutendsten Schriftsteller im deutschen Sprachraum. Die Verbindung von traditionellem Erzählen und avantgardistischer Schreibtechnik begründet seine einzigartige Stellung in der Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Als einer der umstrittensten Autoren der deutschen Nachkriegszeit hat Arno Schmidt mit der Entwicklung seiner experimentellen Prosaform, die auf die angemessene Darstellung einer als gebrochen erlebten Wirklichkeit zielt, großen Einfluss auf die Entwicklung der modernen deutschen Literatur gehabt.


Bio
Arno Schmidt selbst hat ein
"Gerüst zu einer Biographie" geliefert:
A.) Hamburg (18.1.1914 − November 28)
 a.) Vor der Schulzeit. Eltern, Schwester, Verwandte etc.
Arno Schmidt wird am 18. Januar 1914 in Hamburg geboren als zweites Kind des Polizeioberwachtmeisters Friedrich Otto Schmidt und seiner Frau Clara. Zusammen mit seiner drei Jahre älteren Schwester Luzie Hildegard wächst er in dem eben im Aufbau befindlichen Arbeiter−Vorort Hamm auf.

"Hafen, Alster, Rathausmarkt, City=allgemein − (obwohl ich das selbstrednd auch geseh'n habe!) − waren für mich Nebensache, unbedeutend, ein selten erblickter lärmender Rand."
"Eines muß noch betont werd'n zur Charakterisierung unsres Lebens dort: die Mentalität meiner Eltern war so gruselich, daß Wir die >Gute Stube< vorn, (die mit dem Balkong), nie benützten! Wir hausten, jahraus=jahrein, nur in der Küche! (Mit Ausnahme der Tage vom 24. Dezember bis 1. Januar.)...Die Folge solcher Verhältnisse: Ich kann, als Resultat so enger dürftijer Kindheit, nich großzügich denk'n. Ich habe nie gelernt, mich richtich zu benehmen, in keiner Gesellschaft − aber das teile ich ja auch mit den Meist'n."


Am 28. Juli 1914 beginnt der 1. Weltkrieg mit der Kriegserklärung Österreich−Ungarns an Serbien.

Links:
 b.) Volksschule (Ostern 20 − Ostern 24) Volksschule Pröbenweg.
"In die Schule gegangen ganzungern..ich war, in jedem Sinne, der geborene Autodidakt"


Links:
 c.) Realschule Brekelbaumspark (Ostern 24 − Nov. 28) Links:
 d.) Tod des Vaters (8.9.28 †)und Übersiedlung nach Schlesien)
B.) Lauban Clara Schmidt zieht zwei Monate nach dem Tod ihres Mannes mit ihren beiden Kindern ins Haus ihrer Mutter nach Lauban in die Walkgasse 12.
Weitere Bilder der Stadt Lauban, wie sie vor dem 2. Weltkrieg bestand bei http://www.lauban.net/

Kleinstadt von 14000 Einwohnern. Große TaschntuchFabrikn; EisenbahnAusbesserungsWerk. Bei LESSING findet sich irgndwo ein Brief, des Sinnes: der Magistrat von L könne ihn kreuzweis': Ich habe dem nichts hinzuzusetzen.

Links:
 a.) Oberrealschule Görlitz (Anf.Dez 28 − März 33)
Mein Lebm verlief, von da an, wunderlich >geteilt<: Ich wohnte zwar in Lauban, Walkgasse 12; ging aber nach Görlitz auf die OberRealschule....Ergo mußt'ich täglich mit der Bahn fahren: >Lauban= Lichtenau= Nik'lausdorf= Hermsdorf= Moys=Görlitz<, 45 Minutn jede Tour; (und manchmal warens 2 Mal am Tage).


Links:
 b.) Höhere Handelsschule Görlitz (März − Sept. 33)
Schmidt fand nach dem Abitur nicht gleich eine Stelle und belegte einen Halbjahreskurs in Buchführung und Stenographie.


Links:
 c.) Arbeitslos (Sept. 33 − 24.Jan. 34) Mit der Weltwirtschaftkrise ereichte die Arbeitslosigkeit in Deutschland 1932 ihren Höhepunkt.

Links:
 d.) Greiff−Werke (24.1.34 − 9.4.40) − Soldat (Mai − Juli 37) Im Januar 1934 fand Schmidt eine Ausbildungsstelle als kaufmännischer Lehrling bei der Textilfirma. Januar 1937 schloß er die Lehre ab und wurde als graphischer Lagerbuchhalter (bis April 1940) angestellt.

Heinz! Hast du jemals 1100 Bogen nach Nummern geordnet, wenn neben 47 die Nr. 983 liegt, welche der Nachbar von 709 ist? − − : Ich habe!! Schon 3 Tage!! Erlaß es mir, meine Arbeit weiter zu schildern: ich mache in Stumpfsinn.
 e.) Heirat (21.8.37) und erstes halbes Jahr in Lauban bis zum Verkaus des Hauses. mit Alice Murawski (1916−1983), einer Angestellten der Greiff−Werke.
C.) Greiffenberg Links:
 a.) Wohnung theoretisch dort bis 14.2.45; aber eigentlich nur März 38 − August 40; (Sept. 38 Soldat, 8 Tage)
 b.) Reisen nach England & Weimar; Dresden Anfang August 1938 einwöchige Reise nach London.; dies war der längste gemeinsame Auslandsaufenthalt der beiden.
im Mai 1939 Bildungsreise mit seiner Frau, u. a. Besuch des Wieland−Grabes;
Schmidts Schwester, inzwischen verheiratete Lucy Kiesler, emigriert mit ihrem jüdischen Ehemann nach New York.
 c.) 1. Einziehung (26.8.39 u. Entlassung)
D.) Der Krieg
 a.) Hirschberg (9.4.40 − Januar 41) Schmidt wird zur leichten Artillerie nach Hirschberg einberufen. Im August absolviert er einen Dolmetscherlehrgang in Halle.
 b.) Hagenau (Januar − Oktober 41) Links:
 c.) Lauban (Oktober 41 − März 42) Links:
 d.) Norwegen (März 42 − 14.1.45) am Romsdalsfjord

Im Spätherbst 1944 hat sich Arno Schmidt freiwillig an die Westfront gemeldet, weil nur noch Frontsoldaten Urlaub bekamen.
 e.) Ratzeburg; Letzter Urlaub; Flucht;(bis 22.2.45)
Den trat er Mitte Januar 1945 an, um mit seiner Frau die Flucht aus Greiffenberg vorzubereiten.
Alice Schmidt flüchtet im Februar 1945 nach Quedlinburg zu ihrer Schwiegermutter. Das meiste Hab und Gut geht in Schlesien verloren.

Ich dachte daran, wie ich, 2 Säckchen auf der Schulter, aus dem brennenden Tor der Heimatstadt geschritten war.− Das werde ich nie vergessen, wie ich zum letzten Male vor meinen Büchern stand und mich abwesend in den Räumen umsah; glücklicherweise war noch etwas Schnaps im Spind gewesen, und der Körper quälte mich nicht, ich fühlte ihn nicht, die leichte Last nicht, und auch der inferiore Teil des Geistes, der diesen schäbig umgehängten Leib beordert, war von mir getrennt. So konnte ich breitbeinig dastehen, die Hände in den grünen Manteltaschen (denn es war schwarz−weißer Winter draußen, und Naßluft schüttelte kurzstößig). Der Kopf schwebte im Raum. In dem es ganz still war.
 f.) Ratzeburg; letzter Einsatz (24.2 − 14.4.45) Im Anschluß an den Urlaub hatte Schmidt sich in Ratzeburg zu melden. Dort wurde er der 3. Batterie der Art.Ers.Abt.20 als Rechentruppführer zugeteilt. Diese Einheit wurde im April zwischen Ibbenbühren und Vechta eingesetzt.

Morgens 4 Uhr. Aprill=Grau. Zurück=weichende Fronntn.: denn wir rattern, 1945, auf Ell=Ka=Wehs, feintwerrz, (Jeder 1 Granate als Kopf=Kissn): Ich als Rechn=Trupp=Führer einer Batterie von 4 verschiedenen Geschützn − darunter 1 15=Zenntiemeetr=Lank=Rohr!; was die Schußtafl=Arbeit zwar schpannender macht, aber nicht leichter; ich werde's dann, nächtlinx, erfahren: Manche=Anndere schlaafm.) / Allso rücklinx=liegend, über den Flug=Platz ACHMER: viele Bommbm=Crater; 1 Flack=Runntwall ( <La Motte> fällt mir ein). / Und dann eebm ein 4 Meeter hoher Kunnst=Wallt aus Tee=Eisn. Oobm drüber Tarn=Nettse; in die sinnlos=fleißije Hennde Föhrenzweige geflochtn haabm.: Da=runnter lagert Muh=Nietzjohn: WIR=fahren zur <SCHLACHT=IM=TEUTOBURGER=WALLT>:an der ich, <laut Wer=Paß>, teilgenommen habe. (Vergleiche MOMMSEN: Die Örtlichkeit der Varus=Schlacht, Oh leck!)

Am 16.4.1945 gerät Unteroffizier Schmidt in Schwichteler bei Vechta in britische Kriegsgefangenschaft
 g.) Kriegsgefangenschaft über Bentheim, Weeze nach Brüssel (20.4. − 20.8.45); Luthe (20.8. − Okt. 45); Munster (Okt. − 29.12.45); Alice kommt 4.11. an.
8.5. Brüssel. − sound of revelry by night. Stehen, Scheinwerfer im Rücken, Hände in den Taschen, die Staffeln der 4−motorigen. − 9.5. Morgen Uffz. Reinhold näht Mützen; exzellente nebenbei, obwohl er Gärtner von Beruf ist; ein älterer ruhiger Mann (eben Gärtner); aber ich spüre wohl, innerlich flucht er: er macht sich Arbeit, um nicht zu platzen. − Gestern ist Klopapier verteilt worden, pro Kopf 20 Bogen, ein Bleistift=Endchen auf dem Antreteplatz gefunden. (...) Meine Uhr allerdings ist weg; bei Vechta abgenommen, da man sie ja bekanntlich bei der Flucht als Kompaß benutzen kann; auch mein gutes Taschenmesser, (einer zog 6 Kompasse aus der Hosentasche, darunter einen goldenen mit Sprungdeckel,) auf unsere Lederkoppel waren sie auch scharf; noch in Weetze boten sie 20 Zigaretten für eins. Am besten kommen die ganz Jungen darüber hinweg; die sind schon so richtig landsknechtmäßig; Einer erzählte beim Antreten, wie sie zu dritt bei einem Bauern heimlich eine Kuh gemolken hatten, da war er plötzlich gekommen, und sie aber weg!! "Zu dritt?! − Warum habt ihr ihn nicht umgelegt?!" fragte der Andere ehrlich erstaunt. − Das sind die typischen Folgen der jahrelangen levée en masse.

Dämmerung: 's war 1 Mann zu viel; sie zählten, rechneten; die Kompanieführer liefen servil hin und zurück; salutierten begeistert den Sergeanten; Wir fröstelten im Regen, dösten weltblind, stampften verstohlen; in der Küche bereiten sie den Tee (zuerst war's was Neues: Tee hatte Deutschland seit Jahren nicht gekannt; hier kriegten wir's Eimerweise. Verrückte Welt.) Endlich war Schluß (haben sich wohl auf Zauberei geeinigt) und wir schritten (sic!) zu den Zelten; manche fingen wieder an um das Lager zu kreisen, zu zweien, zu dreien, stundenlang. Erinnerungen, Vorträge, Aufschneiden, Zukunft, Ansichten, Bilder, Gefühle: Diskussion. Das war es. Nie haben Soldaten soviel gequatscht. Es war die (unbewußte) Reaktion auf Jahre des Schweigens und Stillstehens.

Das ist der furchtbarste Fluch bei den Soldaten, daß man nie körperlich allein ist − Wenn ich nur mal 20 Jahre keine Menschen mehr zu sehen brauchte!
E.) Cordingen Das Ehepaar Schmidt wohnt neben 13 anderen Mietern im Mühlenhof in Cordingen, Kreis Fallingbostel in der Lüneburger Heide.

Armselige Einrichtung: ein Bett mit Bretterboden, ohne Kissen und Federbetten, bloß 5 Decken. Ein zerwetzter Schreibtisch, darauf zwanzig zusammengelaufene Bücher in Wellpappkartons als Regälchen; ein zersprungener winziger Herd (na, der hat das große nasse Loch auch nicht erheizen können!)
 a.) Dolmetscher an Hilfspolizeischule (29.12.45 − 1.12.46)
Das war damals, 1946 − ich war Dolmetscher beim Polizeipräsidenten in Lüneburg, und Tag und Nacht auf den Beinen. Bald wollte Major Billingham eine Schießübung mit seinen Tommies abhalten; bald hatten DP's − <Displaced Persons>: Polen und dergleichen − einen einsamen Bauernhof überfallen, und ihrem grausamen Hunger ein paar Kühe geschlachtet. Schöne Zeit damals; wir waren alle jung und hager, vorurteilslos und gewetzt.
 b.) freier Schriftsteller (1.12.46 − 31.XI.50), Umsiedlung. Im Dezember faßt Arno Schmidt den Entschluß, künftig als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Dagegen stand über unserem Start − ja, über der ganzen Laufbahn − ein böses <Zu spät !>. Wir hatte ja nicht einmal SchreiPapier in jenen Jahren, dicht nach '45; mein <Leviathan> ist auf TelegramFormulare notiert, von denen mir ein englischer Captain einen halben Block geschenkt hatte. Es ist ein wunderlich Manuskript; und die heutigen jung=Unverstandnen, bei denen angeblich <die Gesellschaft versagt>, dürften sich getrost daraus entnehmen, was wirkliche Sorgen sind, und was übermütige Wehwehchen. Hinzukam die unwahrscheinliche Energieleistung, mit 35 noch einmal neu anzufangen; und die fehlenden Jahre, um die man uns betrogen hatte, möglichst wieder einzubringen.


F.) Gau Bickelheim (1.12.50 − 30.XI.51)


Als wir dann bei Bingen vom Rhein abbogen, wurden Gesichter flach und lang wie die fruchtbare Öde ringsum;...Zuerst wollten wir gar nicht aussteigen, als sie in Gau−Bockenheim am Zuge entlang schrien: ein zu einsamer Bahnhof; Nieselwetter, Niemandswetter; aber das Komitee stand schon zum Empfang....»... ä roin katolscher Oat; ... Alles gutt katolsche Leut ...« das kam zwischen dem Lodenmantel und Gemshütchen des Ortsbullen hervor, und wir drehten einmal kurz die Augenwinkel zueinander.


Links:
G.) Kastel (1.XII.51 bis Sept 55)
Da ist es sehr einsam, hinten an der Saar. Schluchten mit senkrechten Wänden aus triassischem Buntsandstein; haushohe Felskerle sperren den Weg, in rostroter Buschklepperrüstung, den riesigen Wackelstein als Schädel.

Die Schmidts bewohnen zwei Zimmer bei Johann Neises, Hauptstraße 63.
Im Sommer 1954 reisen sie nach Ahlden an der Aller und Ostberlin. Schmidt recherchiert in Niedersachsen für seinen Roman "Das steinerne Herz". In Ostberlin besucht das Ehepaar die Mutter und andere Verwandte von Alice.

Um einer Verurteilung wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften zu entgehen, zog er − mit tatkräftiger Unterstützung des Malers Eberhard Schlotter − von Kastel nach Darmstadt.

Links:
H.) Darmstadt Okt 55 bis Nov 58 Links:
I.) Bargfeld Dez 58 bis
10 Grad 20 Minuten 53 Sekunden östliche Länge und 52 Grad 42 Minuten 20 Sekunden nördliche Breite.

Aus der »Akte Bargfeld«:
1. Ort: Bargfeld liegt 20 km NO von Celle (dies Sitz d. zuständigen Behörden) / Einwohnerzahl 350 ( 45 Häuser) / Verbindungen: in Eldingen, 3 km S, Bahnstation der Linie Celle Wittingen. − Die Landstraße selbst hört im Ort auf, da weiterhin nur Moor und ödeheide; also keinerlei Durchgangsverkehr; absolute Stille garantiert (und durch 2 Übernachtungen erprobt). / poststelle beim Gastwirt (dort auch ein öffentlicher Fernsprecher). Ein weiteres Telefon beim Kaufmann. Keine Kirche (!). Schule am anderen Ortsende, bei Schlotters; also auch diese Lärmquelle quantité négligeable.... /
2. Umgebung und Klima: weite >Parklandschaft<; d.h. Flächen (20% Äcker; 80% Wiesen und Weiden) durchsetzt mit Waldstücken (Bauernwald) von meist 500 x 250m Größe. Etwa 50% der gesamten Umgebung Wald. / Feuchte Niederungen von prächtigstem Moorcharakter; gegen NO sogenannte >Wilde Moore<, d.h. solche, in denen Wanderer, ohne irgend Aufsehen zu erregen, versinken können (panzersicher!)....Mond, Nebel & Regen erste Qualität;...
1) rein sachlich betrachtet erscheint auch mir das Objekt preisgünstig (Fachleute für Holz & Stein, die 3 Schlotters, meinten das Gleiche...
2) Was mich anbelangt: mit Darmstadt verglichen ist die Stille unschätzbar; die Landschaft, wenn auch nicht ideal, so doch, vom beruflichen Standpunkt aus betrachtet, in jeder Beziehung brauchbar; das Klima mir günstig. Der Wohnraum besser als in D.; die Aussicht vom Schreibtisch=Fenster leidlich, ins Weite=Grüne. − Nachteile sind: keine nahe Großbibliothek; Bad & Klo fehlen; die >Hausarbeit< nähme für mich zu; und gleichzeitig müßte ich noch mehr literarisch arbeiten − zumindest für die nächsten 3−5 Jahre! − Dennoch: ich würde, falls ich das Geld zusammenbekäme, für Bargfeld stimmen.


Arno Schmidt starb am 3. Juni 1979 an den Folgen eines Gehirnschlags im Krankenhaus in Celle.


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